Skip To Content
BuzzFeed News Home Reporting To You

Ein Blick auf das Alltagsleben der Menschen im kurdischen Kriegsgebiet

Ein Fotograf hat das Leben während des Einmarsches der Türkei in kurdisches Gebiet in Nordsyrien dokumentiert.

Posted on November 7, 2019, at 6:42 a.m. ET


Emin Özmen / Magnum Photos

Bauern winken während türkische Militärfahrzeuge mit Panzern nach Nordsyrien fahren.

Der Einmarsch der Türkei in Syrien schneidet so tief in die Geschichte ein, dass es schwierig ist, die Bedeutung zusammenzufassen. Die Grenzstädte auf beiden Seiten durchleben seit Jahren einen Konflikt, der immer wieder neu entfacht wird.

BuzzFeed News hat mit Emin Özmen gesprochen. Er ist ein Fotograf aus der Türkei, der an die türkisch-syrische Grenze gereist ist, um über die Auswirkungen der Invasion zu berichten.

Bevor wir mit seinen Fotos beginnen, einige Hintergrundinformationen:

  • Die Kurden sind eine ethnische Gruppe mit muslimischer Mehrheit. Die Kurden leben vor allem in Gebieten, die derzeit von der Türkei, dem Iran, dem Irak und Syrien kontrolliert werden.

  • Im Laufe der Jahre wollten die kurdischen Anführer mehr Autonomie und auch Unabhängigkeit.

  • Die kurdische Zivilbevölkerung hat im letzten Jahrhundert mehrmals harte Aggressionen und Massaker erlebt, unter anderem im Irak unter Saddam Hussein und während des syrischen Bürgerkriegs.

  • Die kurdische Arbeiterpartei (PKK) hat mit Gewalt versucht, kurdische Interessen voranzutreiben. Es handelt sich in den Augen der Türkei, der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union um eine terroristische Vereinigung.

  • Als Ableger der PKK waren die People's Protection Units (YPG) einer der wichtigsten Partner der USA bei der Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Syrien.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Ein Fernsehreporter sendet von einem Hügel in der Grenzstadt Ceylanpinar, während das türkische Militär im nordsyrischen Ras al-Ayn gegen kurdische Rebellen kämpft.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Die Menschen in Akçakale schauen sich Fernsehberichte über die Bombardierung von Tel Abyad an, einer Stadt jenseits der türkischen Grenze. Es ist der zweite Tag des türkischen Krieges gegen kurdische Kämpfer.

Emin Özmen: Für mich ist es wichtig zu zeigen, was die Zivilisten ertragen müssen, unabhängig von ihrer Nationalität oder Religion. Zivilisten sind auf beiden Seiten der Grenze Opfer. Der Journalismus muss alle Seiten eines Ereignisses zeigen. Meine Arbeit reicht deshalb natürlich nicht aus, um die Folgen dieser Operation zu erklären. Ich war geografisch auf türkischer Seite und so habe ich nur dokumentiert, was dort passiert ist. Ich wünschte, ich hätte dokumentieren können, was auch auf der anderen Seite der Grenze passiert ist (in Syrien). Aber dazu war ich nicht in der Lage.

Warum sieht die Türkei die Kurden als Bedrohung an? Denken in der Türkei alle so?

EÖ: Das ist eine so komplizierte Frage, dass ich sie nur für mich selbst beantworten kann. Ich glaube nicht, dass die Türkei die Kurden als Bedrohung ansieht. Ich würde sagen, dass die Türkei die PKK als Bedrohung sieht. Es ist ein sehr komplexer Konflikt, der vor Jahrzehnten begann.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches war die kurdische Gesellschaft in vier durch Mauern getrennte Länder unterteilt. Dieses Thema allein würde weitere Erklärungen erfordern, aber ich möchte nicht so tun, als sei ich ein Experte auf dem Gebiet. Die Kurden sind die größte ethnische Minderheit in der Türkei und machen zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung aus (das sind etwa 14 bis 18 Millionen Menschen).

In der Türkei hat die PKK, die von der NATO und der EU als Terrororganisation bezeichnet wurde, seit 1984 eine Rebellion gegen die Regierung angeführt. Der 35-jährige Konflikt hat bereits mehr als 40.000 Menschen das Leben gekostet.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Syrische Kämpfer mit türkischer Unterstützung winken aus einem bewaffneten Fahrzeug. Sie werden gegen kurdische Kämpfer in der nordsyrischen Stadt Tel Abyad kämpfen.

Emin Ozmen / ©Emin Ozmen / Magnum Photos

Diese Menschen verstecken sich in der Nähe der Grenze und beobachten, wie türkische Panzer Ziele in Tel Abyad im Norden Syriens beschießen.

Ich bin gebürtiger Türke und in einer Kultur aufgewachsen, in der die Kurdenfrage allgegenwärtig war und auch nach wie vor ein sensibles Thema ist. Seit Beginn der 80er-Jahre leben wir in einem Land, in dem es immer wieder zu Konflikten kommt — hauptsächlich im Osten und Südosten des Landes, wo im Grunde ein permanenter Notstand herrscht.

Der Konflikt in Syrien ist eine komplizierte Angelegenheit, ebenso wie die Innenpolitik in der Türkei. Die türkische Regierung hat sich zu keinem Zeitpunkt dabei wohlgefühlt, dass die YPG die Kontrolle in Nordsyrien übernahm. Sie sah darin eine Bedrohung, die sich in die Türkei ausbreiten könnte. In diesem Zusammenhang nahm die Türkei ihre militärischen Operationen in Nordsyrien auf, um diese Bedrohung zu zerstreuen: die Operation „Schutzschild Euphrat“ 2016 und 2017, die „Operation Olivenzweig“ 2018 und jetzt die „Operation Friedensfrühling“ im Oktober 2019.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Ein Mann beobachtet, wie türkische Militärfahrzeuge auf dem Weg nach Nordsyrien durch Akçakale fahren.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Menschen fliehen aus ihren Häusern, weil Mörsergranaten an mehreren Orten in der Nähe der Grenze einschlagen.

Wie lange waren Sie an der Grenze?

EÖ: Ich kam am 9. Oktober in Akçakale an, wenige Stunden bevor die Türkei die „Operation Friedensfrühling“ gegen kurdische Kämpfer der YPG startete. Die gesamte Kommunikation und die sozialen Medien wurden um 16 Uhr blockiert. Kein Internet, keine Telefone. Wir haben über das Radio erfahren, dass die Türkei in Syrien eingedrungen ist. Sehr schnell hörten wir Mörsergeräusche. Es wurde türkische Artillerie losgelassen, die syrische Grenzstädte und -dörfer beschoss. Militärkonvois mit Panzern fuhren die ganze Nacht und an den folgenden Tagen durch die Grenzstadt. Ich war zwischen dem 9. und 25. Oktober an der Grenze.

Wie war die Stimmung in der Stadt?

EÖ: Zu Beginn der Operation haben die Lautsprecher der Stadt osmanische Militärmärsche gesendet und die Eroberungssure aus dem Koran verlesen. Akçakale (auf türkischer Seite) und Tal Abyad (auf syrischer Seite) sind zwei Partnerstädte, die durch einige hundert Meter Betonmauer voneinander getrennt sind. Die Bevölkerung besteht in beiden Städten überwiegend aus Arabern. Akçakale war auch ein Zufluchtsort für die meisten Flüchtlinge, die seit 2012 vor dem Konflikt in Nordsyrien geflohen sind.

Am zweiten Tag, am frühen Morgen, haben sich Menschen mit türkischen Fahnen in der Nähe des Grenztores versammelt, um die laufende Operation zu unterstützen. Ab 14 Uhr schlugen in Akçakale überall Raketen ein. Mörsergranaten sind in Wohnvierteln, Märkten und Straßen gelandet. Die Bevölkerung geriet in Panik; stundenlang herrschte die totale Katastrophe. Krankenwagen sind hinein gerast und haben verwundete Menschen abtransportiert. Drei Menschen wurden getötet (darunter ein neun Monate altes syrisches Baby). Am Ende des Tages waren mehr als 50 verwundet; die halbe Stadt floh. Es ging bis zum Ende des fünften Tages so weiter.

Seit Beginn des Konflikts 2011 sind 3,6 Millionen Syrer vor dem Krieg geflohen und haben in der Türkei Zuflucht gesucht. Sie leben überwiegend in diesen Städten an der Grenze. Ich glaube nicht, dass die Türkei mit der Ankunft neuer Flüchtlinge rechnet, da die Grenze jetzt geschlossen ist.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Kinder stehen auf dem Dach, als am zweiten Tag der türkischen Militäroperation gegen kurdische Kämpfer in der Stadt Tel Abyad nahe der türkischen Grenze Rauch aufsteigt.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Elif Aksoy, 13, (zweite von rechts) weint, da eine Mörsergranate in der Nähe des Ladens ihrer Familie eingeschlagen ist und alle im Laden verwundet hat, einschließlich ihres Vaters, ihrer Brüder und Schwestern.

Unterscheidet sich dieser Konflikt von früheren Konflikten oder ist es nur ein weiteres Kapitel in einem langen und blutigen Krieg?

EÖ: Während des Kampfes zwischen Regimetruppen und der Opposition in den Jahren 2012 und 2013 sind mehrere Mörsergranaten in Akçakale gelandet, wobei im Oktober 2012 fünf Menschen getötet und zehn verletzt wurden.

Leider scheint mir dies nur ein weiteres Kapitel in diesem schrecklichen Konflikt zu sein. Schlimmer noch: Ich würde sagen, dass sich dieser Konflikt wohl nicht von dem unterscheidet, was ich bei der Kriegsberichterstattung in anderen Ländern empfunden habe. Ein Zeuge von Leiden und Tod zu sein, gibt mir immer das gleiche Gefühl (unabhängig vom Konflikt): Hilflosigkeit und absolute Traurigkeit.

Ich sah dieses 13-jährige Mädchen weinen, nachdem Raketen Akçakale getroffen hatten. Ich habe ein Foto von ihr gemacht, aber es in diesem Moment nicht gewagt, mit ihr zu sprechen. Ihr Leiden hat mich wirklich erschüttert. Ich bin zwei Tage, nachdem ich das Foto gemacht habe, zu ihr zurückgekehrt. Sie hat mir dann erzählt, dass viele ihrer Familienmitglieder im Krankenhaus waren und sie nicht mehr schlafen könne. Sie ist traumatisiert. Ich kann ihr Leiden nicht vergessen.

Glaubst du, der Waffenstillstand wird einen Unterschied machen?

EÖ: Ich denke, dass er einige Leben von Zivilisten gerettet hat, aber ich bin [auf lange Sicht] nicht sicher, wie sich die Situation entwickeln wird.

Dieses Interview wurde aus Gründen der Verständlichkeit bearbeitet.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Türkische Militärfahrzeuge mit Panzern in Grenznähe auf dem Weg nach Nordsyrien.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Der Eingang eines Ladens, nachdem eine Mörsergranate in der Nähe eingeschlagen war und eine Frau verletzt hatte.

Emin Ozmen / Magnum Photos

Ein türkischer Soldat steht an der Tür eines Hauses, in das eine Mörsergranate eingeschlagen ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch.


Hier findest Du alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland. Mehr Recherchen von BuzzFeed News Deutschland findest Du auch auf Facebook und Twitter oder im RSS-Feed. Mehr Informationen über unsere Reporterinnen und Reportern, unsere Sicht auf den Journalismus und sämtliche Kontaktdaten – auch anonym und sicher – findest du auf dieser Seite.

ADVERTISEMENT